Für eine plurale Ökonomik

Es gibt nur wenige graduierte Historiker*innen und Sozialwissenschaftler*innen, die sich mit der berechtigten Kritik an der vorherrschenden ökonomischen Lehre beschäftigen. Oder die sich mit dem Diskurs über die zukünftige Ausgestaltung der Wirtschaftswissenschaften auseinandersetzen und sich für eine »plurale Ökonomik« engagieren. Aufgrund meines Wissenschaftsverständnisses und eigener interdisziplinärer Forschungen zum Wirtschafts-, Finanz- und Sozialsystem lag das bei mir jedoch nahe.

Was ist »Plurale Ökonomik«?

Plurale Ökonomik lebt dem eigenen Selbstverständnis zufolge vom bereichernden Austausch der verschiedenen ökonomischen Denkschulen, vom methodischen Pluralismus, aber auch vom inter- und transdisziplinären Diskurs mit anderen Fächern und Fachkulturen. Das bekräftigt auch der »Internationale studentische Aufruf für eine Plurale Ökonomik« an zentraler Stelle ausdrücklich. Ihm zufolge hat eine solche dreigliedrige Pluralisierung »den Anspruch, die Ökonomie wieder in den Dienst der Gesellschaft zu stellen«.

Insofern richtet sich »plurale Ökonomik« gegen die vorherrschende neoklassisch-keynesianische Synthese der Volkswirtschaftslehre mit ihrem in mathematisierten und idealisierten Modellen erstarrten, überwiegend marktideologisch geprägten Dogmatismus. Doch nicht nur die »Lehre« steht in der Kritik, sondern auch die thematische, theoretische und methodische »Leere« bei fundamentalen Fragen. Das fängt schon bei den sträflich vernachlässigten Themen Reproduktionsarbeit und Geldsystem an. Hinzu kommt das Ausblenden alternativer theoretischer oder politischer Perspektiven. Nicht zuletzt schlägt es sich in methodischer Einseitigkeit nieder, von der Wahl der Lernziele und Prüfungsformen ganz zu schweigen.

Trotzdem ist nicht alles a priori besser, realitätstauglicher, stärker am »Gemeinwohl« ausgerichtet und ethisch oder sozial reflektierter, was unter der Flagge »plurale Ökonomik« segelt. Das gleiche gilt übrigens auch für wissenschaftstheoretische Auseinandersetzungen und Konjunkturen in anderen Fächern. Wissenschaftliche Qualität und Redlichkeit sowie das Vermögen zur Reflexion eigener Ergebnisse, Einflussfaktoren, Methoden und politischer Deutungsmuster sind hierbei wesentliche Bewertungskriterien.

Bezug zur Geschichtswissenschaft

Wenn solche plural-ökonomischen Manifeste Realweltbezug und historisch-soziale Fundierung einfordern, dann korrespondiert das wunderbar mit dem traditionellen Leitgedanken der modernen Geschichtswissenschaft. Denn nach Leopold von Ranke, einem der Altvorderen der akademischen deutschen Geschichtsschreibung, sei es nämlich Aufgabe guter Fachhistoriker*innen, zu erforschen »wie es eigentlich gewesen« – und historische Phänomene eben nicht krampfhaft so zurechtzubiegen, wie sie ideologisch ins Konzept passen. (Inwieweit Ranke zu bewerten ist, sei hier einmal dahingestellt.)

Wer wie ich die sozialen Realitäten bestmöglich, glaubwürdig, multiperspektiv und kritisch reflektiert erklären möchte, der kommt um die Zukunftsdiskurse für eine »plurale Ökonomik« jedenfalls nicht herum.

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