Morgen, Kinder, wird’s nichts geben“?

WeihnachtenDie Weihnachtsfeiertage stehen vor der Tür und ich denke, dass das auch eine gute Zeit sein kann, wieder einmal Ruhe und Besinnlichkeit (vielleicht auch Besinnung?) im Kreise der Liebsten zu finden. Das wünsche ich allen. Wer bei all den traditionellen Festlichkeiten und all dem Kommerz noch etwas alternatives Gedankenfutter braucht, dem sei Erich Kästners etwas anderes „Weihnachtslied“ zum Singen und Sinnieren ans Herz gelegt.

Omas Bonmot zur Weihnachtszeit

Meine Oma gab zu Lebzeiten gelegentlich den Spruch zum Besten: „Für die einen wird Weihnachten sein, für die anderen nicht.“ Ich war da schon in einem Alter, wo ich mir anhand des Kontextes den tieferen Sinn dieser andeutungsvollen Metapher erarbeiten konnte. Sie meinte natürlich, dass es Familien bzw. Menschen gibt, denen es an den Festtagen mit üppig gedeckten Tischen, nicht gerade günstigen Geschenken für die Kinder und wenig Sorgen vergleichsweise sehr gut gehen wird, während andere Menschen und Familien von Sorgen und Nöten geplagt sein werden, was sie in ihrer spezifischen Situation auf den Tisch bringen und ihren Kindern „bieten“ können. Kurzum: Ganz abstrakt scheint hier die Verteilungsfrage des gesellschaftlichen Reichtums wieder durch.

Die soziale Situation, aber auch der soziale Druck der Gesellschaft – im Kindergarten oder in der Schule, auf Arbeit, im Freundes- und Bekanntenkreis – geht bei vielen nicht spurlos vorüber. Nicht jede*r kann sich davon geistig befreien, schon gar nicht kleine heranwachsende Menschen. Oft fragen sie zuhause oder unterwegs an den vielfältigen Orten des Konsumterrors ihre Mutti oder ihren Vati, ob sie dieses und jenes, was sie gesehen haben, auch haben können, ob ihre Eltern es ihnen kaufen. Wer von beiden Seiten bei strukturell bedingter Geldknappheit unter der Situation am stärksten leidet, ist eine philosophische Frage, die hier nicht weiter erörtert werden muss.

Kästners „Weihnachtslied“ (1927/28) – eine Interpretation

Die Ursachen und Zusammenhänge von Armut und Reichtum beschäftigen aufgeklärte kritische Geister schon seit gefühlten Ewigkeiten. Besonders in der Weihnachtszeit werden für viele Menschen Armut und Reichtum in ganz spezifischer Art und Weise erlebbar. Bisweilen geht das einher mit einer gewissen Heuchelei und einer Art modernem Ablasshandel, da die Aufrufe und die Bereitschaft zu Menschlichkeit und ein wenig freiwilliger Umverteilung durch Spenden über das Jahr betrachtet wohl kaum zahlreicher sind als an diesen paar Tagen. Die sozio-ökonomischen und kulturellen Strukturprobleme und Ursachen existieren aber das ganze Jahr. Das ganze Jahr muss Essen auf den Tisch, braucht es ein Dach über dem Kopf, gute Bildung für die Kinder, Aufmerksamkeit usw. usf.

Ich finde es gut, dass sich der bekannte deutsche Dichter Erich Kästner (1899–1974) dieser medial viel zu sehr verdrängten und vernebelten, sozial allerdings fast überall spürbaren Thematik künstlerisch angenommen hat. Aber wer kennt schon Kästners sozialkritisches „Weihnachtslied“, das er in den so genannten „goldenen Zwanziger Jahren“, die eben auch voller sozialer Verwerfungen und Konflikte waren, verfasste? In der Schule kommt man mit dieser bissigen Parodie des weithin bekannten traditionellen Weihnachtsliedes „Morgen, Kinder, wird’s was geben“ leider nicht in Berührung. Dabei böte das Gedicht doch so viel Interpretationsstoff und Darstellungsmöglichkeiten, um Geist und Kreativität der Schüler*innen zu fördern, zumal die „Kinder“ in dem Stück ja direkt angesprochen werden…

Neben der Problematik der Einkommens- und Vermögensverteilung, speziell der Kinderarmut, schimmert an der ein oder anderen Stelle des Gedichtes auch Konsum-, Traditions- und Religionskritik hervor. Mit den stilistischen Mitteln der Lyrik und Satire gelingt Kästner eine noch immer zeitlose Gesellschaftskritik. Jede Strophe, so scheint es mir jedenfalls, soll unterschwellig auch die Leser*innen und Hörer*innen ermuntern, sich nicht länger irgendwelche Unveränderbarkeiten der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und der eigenen Situation einreden zu lassen – Kästners „Gott ist nicht allein dran schuld“ verweist hier auf die Nichtexistenz einer in vordemokratischen Zeiten regelmäßig zur Verhinderung sozialen Aufbegehrens behaupteten angeblich gottgewollten Ordnung von Arm & Reich, Oben & Unten. Die Verhältnisse lassen sich ändern, wenn die im real existierenden Gesellschaftssystem benachteiligten Menschen politisch erwachen, „die Bretter von den Stirnen“ reißen und auf solidarische Weise die Zukunft grundlegend sozial gerechter und besser gestalten. Einstweilen hilft es aber schon, zu reflektieren, ob man das, was einem eingeredet wird haben zu müssen (z. B. „Puppen“, „Christbaum“), auch wirklich zum Glücklichsein braucht. Handlungsempfehlungen erteilt der Dichter zwar nicht direkt und explizit, die Darstellungsweise und Formulierung der Verse provoziert aber zum Widerspruch…

Also: Wer es nicht gelesen, verstanden und einmal gesungen hat, hat etwas verpasst 😉

Das Werk: „Weihnachtslied, chemisch gereinigt“, von Erich Kästner

(Nach der Melodie: „Morgen, Kinder, wird’s was geben!“)

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte Euch das Leben.
Das genügt, wenn man’s bedenkt.
Einmal kommt auch eure Zeit.
Morgen ist’s noch nicht soweit.

Doch ihr dürft nicht traurig werden.
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden.
Puppen sind nicht mehr modern.
Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.

Lauft ein bisschen durch die Straßen!
Dort gibt’s Weihnachtsfest genug.
Christentum, vom Turm geblasen,
macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.

Tannengrün mit Osrambirnen –
Lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
Reißt die Bretter von den Stirnen,
denn im Ofen fehlt’s an Holz!
Stille Nacht und heil’ge Nacht –
Weint, wenn’s geht, nicht! Sondern lacht!

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt fürs Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte reicht so weit …
Ach, du liebe Weihnachtszeit!

Quellen

Ein Gedanke zu “Morgen, Kinder, wird’s nichts geben“?

  1. Badspiegel

    Muss heute Abend ein Weihnachtslied singen und bin hier auf die Seite gestoßen. Dann werde ich mir den Text mal einarbeiten und proben.
    Wünsche schöne Weihnachten.

    Lg Karin

    Antwort

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