»Morgen, Kinder, wird’s nichts geben«?

Weihnachten
Abb.: habbu & habbi | CC BY-ND 2.0

Die Weihnachtsfeiertage stehen vor der Tür. Ich denke, dass das auch eine gute Zeit sein kann, wieder einmal zur Ruhe zu kommen. Eine Zeit, um Besinnlichkeit und vielleicht auch Besinnung im Kreise der Liebsten (wieder) zu finden. Das wünsche ich jedenfalls allen. Brauchen auch Sie bei all den traditionellen Festlichkeiten und all dem Kommerz noch etwas alternatives Gedankenfutter? Dann sei Ihnen Erich Kästners etwas anderes »Weihnachtslied« zum Singen und Sinnieren ans Herz gelegt.

Omas Bonmot zur Weihnachtszeit

Meine Oma gab zu Lebzeiten gelegentlich folgenden Spruch zum Besten:

Für die einen wird Weihnachten sein, für die anderen nicht.

Ich war da schon in einem Alter, um anhand des Kontextes den tieferen Sinn dieser andeutungsvollen Metapher verstehen zu können. Sie wollte damit auf den Gegensatz hinweisen, dass es einerseits Familien bzw. Menschen gibt, denen es an den Festtagen mit üppig gedeckten Tischen, nicht gerade günstigen Geschenken für die Kinder und wenig Sorgen vergleichsweise sehr gut geht, während andere Menschen und Familien wiederum von Sorgen und Nöten geplagt sind, was sie in ihrer spezifischen Situation auf den Tisch bringen und ihren Kindern »bieten« können. Kurzum: Ganz abstrakt geht es hier um die Verteilungsfrage des gesellschaftlichen Reichtums.

Die soziale Situation, aber auch der soziale Druck der Gesellschaft, geht an vielen Menschen nicht spurlos vorüber. Sei es im Kindergarten oder in der Schule, bei der Arbeit, im Freundes- oder im Bekanntenkreis. Nicht jede*r kann sich davon geistig befreien, schon gar nicht kleine Kinder. Oft fragen sie ihre Mutti oder ihren Vati zuhause oder unterwegs, an den vielfältigen Orten des Konsumterrors, ob sie dieses oder jenes, was sie gesehen haben, auch haben können. Sie wünschen sich, dass ihre Eltern oder Großeltern es ihnen kaufen. Wer von beiden Seiten leidet unter der Situation strukturell bedingter Geldknappheit wohl am stärksten? Was meinen Sie? Das ist eine höchst philosophische Frage, die ich an dieser Stelle bewusst offen lassen möchte.

Kästners »Weihnachtslied« (1927/28) – eine Interpretation

Die Ursachen und Zusammenhänge von Armut und Reichtum beschäftigen aufgeklärte kritische Geister schon seit gefühlten Ewigkeiten. Vor allem in der Weihnachtszeit werden für viele Menschen Armut und Reichtum in ganz spezifischer Art und Weise hautnah erlebbar. Manchmal geht das einher mit einer gewissen Heuchelei und einer Art modernem Ablasshandel. Selten sind die Aufrufe und die Bereitschaft zu Menschlichkeit und ein wenig freiwilliger Umverteilung durch Spenden zahlreicher als an diesen Tagen. Die sozio-ökonomischen und kulturellen Strukturprobleme existieren aber nicht nur wenige Tage, sondern zwölf lange Monate. Denn das ganze Jahr muss Essen auf den Tisch. Außerdem braucht es ein Dach über dem Kopf, gute Bildung für die Kinder, Aufmerksamkeit – und das ist noch nicht alles.

Ich finde es gut, dass sich der bekannte deutsche Dichter Erich Kästner (1899–1974) dieser medial viel zu sehr verdrängten und vernebelten, sozial allerdings fast überall spürbaren Thematik künstlerisch angenommen hat. Aber wer kennt schon Kästners sozialkritisches »Weihnachtslied«, das er in den so genannten »goldenen Zwanziger Jahren«, die eben auch voller sozialer Verwerfungen und Konflikte waren, verfasste? In der Schule kommt man mit dieser bissigen Parodie des weithin bekannten traditionellen Weihnachtsliedes »Morgen, Kinder, wird’s was geben« leider nicht in Berührung. Dabei böte das Gedicht doch so viel Interpretationsstoff und Darstellungsmöglichkeiten, um Geist und Kreativität der Schüler*innen zu fördern, zumal die »Kinder« in dem Stück ja direkt angesprochen werden.

Neben der Problematik der Einkommens- und Vermögensverteilung, speziell der Kinderarmut, schimmert an der einen oder anderen Stelle des Gedichtes auch Konsum-, Traditions- und Religionskritik hervor. Mit den stilistischen Mitteln der Lyrik und Satire gelingt Kästner eine noch immer zeitlose Gesellschaftskritik. Jede Strophe, so scheint es mir jedenfalls, soll unterschwellig auch die Leser*innen und Hörer*innen ermuntern, sich nicht länger irgendwelche Unveränderbarkeiten der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und der eigenen Situation einreden zu lassen. Kästners »Gott ist nicht allein dran schuld« verweist hier auf die Nichtexistenz einer in vordemokratischen Zeiten regelmäßig zur Verhinderung sozialen Aufbegehrens behaupteten angeblich gottgewollten Ordnung von Arm & Reich, Oben & Unten.

Doch die Verhältnisse lassen sich sehr wohl ändern. Dazu müssen die im real existierenden Gesellschaftssystem benachteiligten Menschen politisch erwachen und »die Bretter von den Stirnen« reißen. Einstweilen hilft es aber schon, zu reflektieren, ob man das, was einem eingeredet wird haben zu müssen (z. B. »Puppen«, »Christbaum«), auch wirklich zum Glücklichsein braucht. Handlungsempfehlungen erteilt der Dichter mit seinem »Weihnachtslied« zwar nicht direkt und explizit. Die Darstellungsweise und Formulierung der Verse provoziert allerdings zum Widerspruch gegen die zum Himmel schreiende soziale Ungerechtigkeit. Es bleibt demzufolge unsere Aufgabe, die Zukunft auf solidarische Weise sozial gerechter und besser zu gestalten.

Also: Wer es nicht gelesen, verstanden und einmal gesungen hat, hat etwas verpasst 😉

Das Werk: »Weihnachtslied, chemisch gereinigt«, von Erich Kästner

(Nach der Melodie: »Morgen, Kinder, wird’s was geben!«)

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte Euch das Leben.
Das genügt, wenn man’s bedenkt.
Einmal kommt auch eure Zeit.
Morgen ist’s noch nicht soweit.

Doch ihr dürft nicht traurig werden.
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden.
Puppen sind nicht mehr modern.
Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.

Lauft ein bisschen durch die Straßen!
Dort gibt’s Weihnachtsfest genug.
Christentum, vom Turm geblasen,
macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.

Tannengrün mit Osrambirnen –
Lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!
Reißt die Bretter von den Stirnen,
denn im Ofen fehlt’s an Holz!
Stille Nacht und heil’ge Nacht –
Weint, wenn’s geht, nicht! Sondern lacht!

Morgen, Kinder, wird’s nichts geben!
Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt fürs Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte reicht so weit …
Ach, du liebe Weihnachtszeit!

Quelle des Werkzitates: Rudolf Walter Leonhardt (Hrsg.) (1966): Kästner für Erwachsene. Zürich: Atrium, S. 35, zit. nach: lesekreis.org.

Überarbeitet im Jahr 2018

Ein Gedanke zu “»Morgen, Kinder, wird’s nichts geben«?

  1. Badspiegel

    Muss heute Abend ein Weihnachtslied singen und bin hier auf die Seite gestoßen. Dann werde ich mir den Text mal einarbeiten und proben.
    Wünsche schöne Weihnachten.

    Lg Karin

    Antwort

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